Sonntag, 20.05.2012 18:58 Uhr

Gediegen grell und schonungslos

Verfasser: Dominik Lepuschitz Wien, 03.02.2012, 20:55 Uhr
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Alma Hasun/Thomas Mraz/Erwin Steinhauer/Flor.Teichtmeister
Alma Hasun/Thomas Mraz/Erwin Steinhauer/Flor.Teichtmeister  Bild: Sepp Gallauer

Wien [ENA] Der Blick unter die – allzu idyllische – Oberfläche zeigt meist wenig Erfreuliches. Als Ödön von Horváth diesen Blick mit seinen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ auf das sprichwörtliche „goldene Wienerherz“ richtete, fand er dort Bosheit, Scheinheiligkeit und Grausamkeit.

Ob denn nun wirklich jeder Wiener diese Wesenszüge in sich trägt, sei einmal dahingestellt. Doch auch wenn Horváth überzeichnet – eine Notwendigkeit für die dem Stück zugrunde liegende Absicht – die unschönen Schattenseiten des Wiener Gemüts sind keine Erfindung. So leuchtet er mit grellem Licht in diesen Schatten hinein und zeigt mit schonungsloser Härte, was lieber im Verborgenen geblieben wäre. Diesem Grundcharakter des Werkes kommt die Neuinszenierung von Herbert Föttinger im Theater in der Josefstadt sehr entgegen. Auf der Bühne sind lediglich stilisierte Bäume zu sehen, es gibt kein Verstecken, die Charaktere sind ganz entblößt.

Und das durchaus auch im physischen Sinne. So steht Alma Hasun, eine sehr junge, verletzliche Marianne, in der Szene „An der schönen blauen Donau“, in der sie sich dem Tunichtgut Alfred, genial schmierig verkörpert von Florian Teichtmeister, an den Hals wirft, tatsächlich nackt auf der Bühne, während sich Rasmus Borkowski als deutschtümelnder Student Erich „Beim Heurigen“ die Seele aus dem besoffenen Leib kotzt. Valerie, in die Jahre gekommene Trafikantin, erfährt menschliche Zuneigung nur mehr durch materielle Zuwendungen an Gestalten wie Alfred oder Erich, die sie hierfür zutiefst verachten – doch es ist 1930, die Krise ist allgegenwärtig und jungen Mädchen muß man etwas bieten. Aber wie?

Sandra Cervik, Gattin des inszenierenden Hausherrn, zeigt die Tragik dieser vielleicht traurigsten Gestalt des Stückes in allen Nuancen. Das wahre Trio infernal aber sind der Zauberkönig, Oskar und die Großmutter – Scheinheiligkeit, Bosheit und Grausamkeit in Person. Erwin Steinhauer tritt als Zauberkönig ein großes Erbe an: unter seinen Vorgängern finden sich immerhin Hans Moser, der die Rolle schon bei der Uraufführung 1931 verkörperte, und Helmut Qualtinger. Steinhauers hintergründige Gemeinheit läßt ihn fast als den im Sinne des Charakters übelsten in dieser Reihe erscheinen.

Bei Thomas Mraz´ Oskar hat man den Eindruck, daß er zwischen seiner Verlobten Marianne und der Sau, die er genüßlich absticht, keinen allzu großen Unterschied macht – außer, daß er Marianne nicht mit dem Messer, sondern mit seiner Liebe (oder was er dafür hält) absticht. Kann man den Anderen noch bis zu einem gewissen Punkt menschliche Unzulänglichkeit zugute halten, scheint das bei der Großmutter kaum möglich.

Grausam, berechnend und manipulativ, versucht sie alles in ihrer Umgebung zu kontrollieren – und schreckt nicht einmal davor zurück, dafür zu sorgen, daß Alfreds und Mariannes Kind stirbt. Eine idealere Besetzung als Erni Mangold scheint derzeit kaum denkbar – sie ist „die“ Großmutter ihrer Zeit. Trotz seiner mehr als 80 Jahre hat das Werk nichts an Kraft, Brisanz und Aktualität eingebüßt. Absolut zeitgemäß und doch absolut werktreu – zu diesem wahrlich nicht einfachen Spagat allen Beteiligten ein ganz großes „Bravo“!

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